Das was bleibt

My Lifestyle

Die aktuelle Debatte über Babyfotos, Kinder und Teenager im Netz, und deren Inhalte, die für immer bleiben, auch wenn man sich zu einem späteren Zeitpunkt damit nicht mehr identifizieren kann, hat mich, obwohl ich weit entfernt von dieser Altersgruppe bin, 2018 schon auf ähnliche Weise beschäftigt. Ich fand mich plötzlich in einer komplett neuen beruflichen Situation wieder, die nichts mit Bloggen und Neuen Medien zu tun hatte.

Hast Du Facebook?
Auf einmal fragten mich Menschen, „ Hast Du Facebook?, Weißt Du was Instagram ist, diese App für Jugendliche? “ Ähm. Da war ich immer wieder perplex, und wusste nicht was ich antworten sollte. Meine Welt war auf den Kopf gestellt, denn was über ein Jahrzehnt an Content liebevoll von mir aufgebaut wurde, und 10 Jahre völlig normal für mich war, schrieb man plötzlich einer anderen Generation zu, und schloss aus, dass ich Teil davon sein könnte. Das löste in mir ganz seltsame Gefühle aus. Ich begann einiges zu hinterfragen, vorsichtig meine Inhalte zu überprüfen, und auch zu überlegen, ob ich das möchte, dass Menschen, die ich offline, persönlich in einer beruflichen Funktion kennenlerne, die nichts mit meinem Privatleben zu tun haben, mit 2-3 Klicks über meine Hobbies, Essgewohnheiten, Beautyroutine, gebuchte Hotelzimmer, etc. Bescheid wissen, wenn sie es darauf anlegen. Nun könnte man natürlich sagen, Stalker gab es damals wie heute. Aber ist das nicht etwas ganz anderes?

Neue Medien und der reale Alltag

Ich denke schon. Wenn man in so einer Situation wie ich steckt, und das ist gar nicht so selten, wie das jetzt hier klingt, wird ganz schnell klar wie weit Neue Medien von der realen Welt entfernt sind.
Obwohl ich niemals etwas gepostet habe, das mir peinlich ist, oder geheim bleiben soll, oder nur einer bestimmten Zielgruppe vorbehalten sein sollte, wurde mir klar, dass ich nicht möchte, dass Menschen, die (noch) nichts mit mir persönlich zu tun haben, als ersten Eindruck, gebündelt auf einem Digitalen Medium ein Bild von mir bekommen, das nur zu einem kleinen Teil mein Leben ist; ein Bildausschnitt eben. Denn mein Blog hier zum Beispiel hatte ja immer eine Message, einen Leitfaden, eine – wie im Print übliche – Blattlinie:

Things worth Sharing with GenerationX.

#viennaslowliving sind ja Ausnahmesituationen in meinem Leben, die den Alltag schöner machen sollen, und keine kontinuierliche Bestandsaufnahme ohne Lücken meines Alltags. Dennoch, die Gradwanderung ist schmal.

Eineinhalb Jahrzehnte Online
Gerade bei Windows of Vienna hatte sich Vieles über die letzten 14 Jahre geändert. (Ich kann das kaum glauben, wenn ich die Zahl tippe!) Und das war auch der springende Punkt für mich, die meisten meiner Inhalte da zu lassen wo sie sind, nur ein bisschen anders auffindbar. Ja, bei fast allen Menschen ändern sich Lebensumstände in eineinhalb Jahrzehnten. Wie und warum, möchte ich jetzt gar nicht zum Thema machen. Entscheidend ist für mich, dass meine Inhalte eine gewisse Aktualität behalten sollen. Ob Google löschen gut findet, ist mir dabei herzlich egal. Meine Inhalte sind ja an Menschen adressiert, die gezielt auf meinen Blog zugehen, oder durch meinen Newsletter zu aktuellen Beiträgen kommen, weil sie genau meine Empfehlungen lesen möchten. Deshalb war Suchmaschinen-Optimierung immer etwas nachrangig.

Aufräumen

Ich verbrachte also meine Freizeit zum Teil damit, statt neuen Content zu produzieren, meine veröffentlichten Beiträge zu lesen, neu zu kategorisieren, mit edit-notes zu versehen, oder eben auch zu löschen.
Ich denke, die Arbeit hat sich gelohnt.
Die neuen Reiter, Kategorien, Schlagworte und Tabs führen gebündelt zu Inhalten, die, auch wenn sie zum Teil vor 3, auch 5 Jahren oder früher geschrieben wurden, immer noch eine Empfehlung meinerseits sind, oder vielleicht gerade deshalb umso mehr. Die Lokale, die den tag Restaurants haben, besuche ich nach wie vor regelmäßig. Und Hand aufs Herz: Was sagt das aus, wenn 20 Personen gleichzeitig über eine Lokaleröffnung schreiben? Es gibt einen neuen Spot in der Stadt, ja das finde ich auch interessant. Besuchen sie das Restaurant ein zweites Mal? Man weiß es nicht. Und kann die Küche auch 6 Monate nach Eröffnung die Qualität konstant aufrecht erhalten? Auch wenn mir jemand erklärt, dass die Beurteilung ehrlich ist (wovon ich immer ausgehe, wenn ich etwas lese), frage ich mich doch, wieso hebt man sich die Erfahrung des ersten Mals nicht auf, und vergleicht beim 2., 3. Besuch. – You get the point.
Meine Aufräumarbeiten fanden auch in meinem Foto-Archiv statt. Das war, ehrlich gesagt, noch viel zeitaufwendiger. Dazu gibt es leider die wenigsten Pro-Tipps oder Vorträge wie man Fotos tagged, die zwar in der Preview alle gleich aussehen, aber nun mal in verschiedenen Formaten gespeichert wurden, manche veröffentlicht, aber wann und wo … (Hint an alle Workshop-Anbieter.) Ich hätte jetzt auch keine zeitsparende Lösung parat. Es hat schlichtweg Monate gedauert, bis ich an 4 verschiedenen Orten 120.000 Fotos und Videos kategorisiert und abgelegt hatte. Unter dem Motto Quality before Quantity ist mein erklärtes Ziel für 2020 diese Daten um die Hälfte zu reduzieren. Manches muss man einfach im Gedächtnis behalten, und manchmal auch einfach sagen können:
Ich habe heute leider kein Foto für Dich.
Es geht. Man überlebt es. Ich hab es schon getestet.

Das was bleibt.

Was ich hier an dieser Stelle zum Abschluss als Tipp schon abgeben möchte:
Es verhält sich, meiner Meinung nach, ganz anders mit Texten. Ich habe mehr als 2 Drittel meiner Posts in der Vergangenheit direkt online geschrieben, und sie auf keiner meiner Festplatten gespeichert. Das halte ich heute schlicht für Dummheit. Das würde ich heute und auch in Zukunft so nicht mehr machen.
Man lernt nie aus. Heute achte ich auf meine Geschichten, Beiträge, Texte, Captions viel mehr, und bin auch stolz, gerade auf diese immer wieder angesprochen zu werden. Situationen mit Worten zu beschreiben war immer Etwas, was mir nicht nur Spaß gemacht hat, es kann auch befreiend, beruhigend und auch heilend sein. Und last but not least: Ich beurteile andere Inhalte auch so. Ich komme aus Interesse zu einem Bild, aber bleibe weil mich der Text beeindruckt hat. Einmal amüsiert, oder berührt, belehrt, bewertet, einen neuen Blickwinkel ermöglicht, eine Lösung präsentiert, …
Das was bleibt.
Und das, was zählt, das sagt man sowieso direkt ins Ohr. Hat schon Mark Forster in seinem Lied Flüsterton geschrieben. Ich liebe die Version von Michael Patrick Kelly aus Sing meinen Song 4, obwohl ich kein Schmusesong Fan bin. Obwohl auch das beginnt sich Ende 40 bei mir schon deutlich zu ändern. Ich sag nur, Heavy Metall war gestern.

Beverly Hietzing Logo by Vanportrait